Die Eulen Ludwigshafen

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„Ich will mit dem Team in der Liga bleiben und nicht weg“

Interview: Hinter den Eulen Ludwigshafen liegt ein aufregendes Jahr. Am Dienstag steht das letzte Spiel 2017 beim TBV Lemgo (15 Uhr) an. Der Aufsteiger in die Handball-Bundesliga ist nach der Niederlage am Donnerstag gegen Magdeburg erstmals auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht. Ein Gespräch mit Trainer Ben Matschke über Schlafentzug, die härteste Woche seines Lebens, Neuverpflichtungen in der Winterpause und seine Zukunft.

Herr Matschke, war 2017 das sportlich bislang aufregendste Jahr für Sie?
Ja, definitiv.

Warum?
Da war die Rückrunde vergangene Saison mit einem Lauf von 22:4 Punkten und dem emotionalen Aufstieg in letzter Sekunde zu Hause gegen Rostock. Dann hatte ich den A-Lizenz-Lehrgang zu bestehen. Das war im Nachgang schon sehr intensiv in Verbindung mit dem aktuellen Tagesgeschäft. Nebenbei hatte ich auch noch eine Abiturklasse in BWL. Dann kam eine sehr anstrengende Vorbereitung, in die wir als Trainer-Team sehr viel investiert haben. Ja und nun die Spiele, in denen wir Woche für Woche an unser Optimum müssen, um konkurrenzfähig zu sein.

Welcher Moment bleibt besonders haften?
Für mich war die Woche mit den Spielen Bad Schwartau, Leutershausen – in Verbindung mit der A-Lizenz-Prüfung – die härteste Woche, die ich bislang erlebt habe. Wenig Schlaf, die intensiven Spiele, die Niederlage zu Hause gegen Leutershausen, die A-Lizenz-Prüfung und dann der Moment des Aufstiegs. Wahnsinn. In der aktuellen Saison waren der erste Sieg gegen Lemgo und der erste Auswärtspunkt in Erlangen Momente, die haften bleiben.

Um wie viele Jahre sind Sie 2017 gealtert?
Noch bescheinigen mir meine Schüler, dass ich jung aussehe (lacht). Solange das so ist, glaube ich das. Aber es war schon ein sehr ereignisreiches und intensives Jahr.

Wie hat Sie dieses Jahr verändert?
Die Vorbereitung auf die Spiele mit den vielen Videoanalysen haben mich taktisch schon weiter entwickelt. Zudem geben mir der Austausch mit den Kollegen und die offenen Gesprächen mit Co-Trainer Frank Müller und der Geschäftsführung neue Impulse für die tägliche Arbeit. Das ist mir wichtig.

Hat Sie der Cheftrainer-Posten persönlich verändert? Nun liegt die Verantwortung bei Ihnen. Sie sind noch mehr in einer Führungsposition, bei der der Fokus klar auf Ihnen liegt.
Es ehrt mich, dass ich in den Entscheidungsprozess außerhalb des Spielfelds integriert werde. Eine Veränderung an sich nehmen wohl nur die Engsten aus meinem täglichen Umfeld wahr. Also müsste man die fragen. Nicht verändert hat sich jedenfalls der Spaß daran, einen Plan zu entwickeln. Zu sehen, dass der Plan dann tragfähig ist, ist eine reizvolle Aufgabe. Wenn die Jungs sich dann so daran halten wie in Erlangen und sich belohnen, ist das ein tolles Gefühl.

Sie haben viel angestoßen, auch im Umfeld des Klubs. Sie sind einer der Motoren. Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung der Eulen?
Es motiviert mich unheimlich, zusammen mit der Geschäftsführung, die Eulen voranzutreiben. Es ist schön, dass eine spürbare Veränderung im positiven Sinne stattfindet. Die Bundesliga ist sehr professionell und auch die Zweite Liga wird immer professioneller. Neuss und Dresden stiegen von der 3. Liga mit Etats auf, die größer sind als unserer. Unsere Geschäftsführung mit ihrem Team ist rund um die Uhr unterwegs für die Eulen. Wenn wir konkurrenzfähig bleiben wollen, ist das notwendig und der absolut richtige Weg.

Wie weit sind Sie auf diesem Weg?
Natürlich konzentriere ich mich primär auf unsere sportliche Aufgabe. Die ist ja schon anspruchsvoll genug. Ich investiere viel Energie und Gedanken in diese große sportliche Herausforderung und möchte mich da nicht zu sehr an anderen Dingen reiben. Das kostet viel Substanz. Ich biete die Hilfe bei Gesprächen mit Sponsoren und Spielern selbstverständlich an.

Sie sind der Mittelpunkt im Zukunftsprojekt der Eulen und haben auch einen Wunschzettel mit neuen Spielern vorgelegt. Wie viele sollen kommen?
Wunschzettel ist so nicht ganz richtig. Klar wollen wir das Team verbessern, aber es ist eine strategische Frage, ob Ressourcen in die Mannschaft oder in die Strukturen einfließen.

Aber es ist doch entschieden, dass Spieler kommen sollen. Der Kader soll in der Winterpause noch einmal verstärkt werden.
Ja, aufgrund von verletzten Spielern und dem Abgang von Oli Hess. Dabei stellt sich aber die Frage: Geben wir viel Geld für einen gestandenen Akteur aus, der uns kurzfristig vielleicht weiterhilft – oder verpflichten wir Spieler, die zukünftig unser Konzept und unsere Philosophie repräsentieren? Diese zu finden ist nicht leicht.

Zumindest beim Torhüter sind die Verhandlungen weit fortgeschritten. Es soll ein Junioren-Nationaltorwart kommen.
Wir sind da in sehr guten Gesprächen. Das ist richtig.

Dies entspricht ja dann der zweiten Variante…
Auch das ist richtig (lacht). Natürlich verschließt sich kein Trainer, wenn er einen Spieler mit der Qualität eines Nikola Karabatic bekommt. Aber ich kenne die Eulen-Strukturen und noch ist eine solche Verpflichtung nicht möglich (zwinkert). Auch hier wird mein Auftrag sein, ihn weiterzuentwickeln, um ihn an Bundesliga-Niveau heranzuführen. Sofern er sich für unser Projekt entscheidet.

Das birgt aber auch ein gewisses Risiko. Denn niemand kann sagen, ob aus dem jungen Mann ein Bundesliga-Torwart wird.
Wir haben die jüngste Bundesliga-Mannschaft. Wir haben keinen einzigen Profi. Ich weiß um meine Aufgabe und um diese große Herausforderung. Diese nehme ich tagtäglich gerne an. Ich wusste im Vorfeld, was auf mich zukommt und versuche, den Kader konkurrenzfähig zu machen. Da kommt es auf einen jungen Spieler mehr oder weniger doch nicht mehr an (lacht).

Es gab aber schon einmal eine akute Torhüter-Problematik in der Zeiten Liga, als Malte Röpcke und Hilmar Gudmundsson aushelfen mussten. Das kann wieder passieren. Ist da ein sehr junger Torwart die richtige Lösung?
Ich habe schon vor der Saison um einen dritten Torwart gebeten. Aktuell gleicht jede Trainingseinheit einem Ritt auf der Rasierklinge. Wenn sich Kevin Klier oder Roko Peribonio verletzen, tja… dann muss David Schmidt ins Tor. Die Verpflichtung eines dritten Torwarts ist Grundlage, dass wir bis Saisonende konkurrenzfähig bleiben.

Sie haben bis 2020 einen Vertrag unterschrieben. Erfüllen Sie diesen?
Warum ist das so wichtig für die Medien?

Nun, das Konzept bei den Eulen ist sehr stark auf Sie zugeschnitten. Zudem waren Sie einer der wenigen Trainer, die den Wechsel von Adalsteinn Eyjolfsson vor wenigen Wochen von Hüttenberg nach Erlangen nachvollziehen konnten.
Ich stelle gerne mal eine Gegenfrage: Was ist, wenn wir absteigen? Dann habe ich das Ziel des Vereins nicht erfüllt. Dann stehe ich wie jeder andere Trainer auch in der Kritik. Dieser Tatsache verschließe ich mich nicht. Dann werden zwangsläufig meine Arbeit, mein Training, meine Aufstellung, meine Ein- und Auswechslungen hinterfragt. Wichtig ist doch, dass man alles offen kommuniziert und überlegt, ob es dann gegebenenfalls Sinn macht, weiter an dem Trainer, sprich meiner Person, festzuhalten.

Alles schön und gut. Aber das Konstrukt, sich bis 2020 in der Bundesliga zu etablieren und den Etat von aktuell 1,2 Millionen auf drei Millionen Euro zu erhöhen, ist ein langfristiges Projekt. Demnach gibt die Vereinsführung Ihnen Zeit und das Vertrauen, auch Misserfolge haben zu dürfen.
Das würde ich mir wünschen. Deshalb bin ich da und deshalb habe ich meinen Vertrag auch so langfristig unterschrieben. Die positive Entwicklung auf und neben dem Feld ist spürbar, da schließe ich auch den Fanclub mit ein. Eine Garantie gibt es aber leider dafür nicht.

Haben Sie eine Ausstiegsklausel?
Das haben Sie schon unseren Geschäftsführer gefragt. Der hat das verneint.

Aber wo ein Wille ist, ist sicherlich auch ein Weg…
Ich will ja nicht weg. Ich will mit dieser Mannschaft in der Liga bleiben.

Würden Sie sich einen Umbruch im Falle eines Abstieges antun?
Antun hört sich schlimm an. Es ist doch geil, bei den Eulen Trainer sein zu dürfen und Teil dieser Entwicklung zu sein. Zumal ein eventueller Umbruch in den Dimensionen wie bei den Abstiegen zuvor nicht stattfinden wird. Man muss auch hier einmal die Entwicklung betrachten, wie weit wir beim Niveau von Neuverpflichtungen fortgeschritten sind. Beim ersten Abstieg haben wir Drittliga- und Oberliga-Spieler geholt. Dann kamen Spieler von Zweitligisten aus dem unteren Mittelfeld. Nun können wir zumindest mit Spielern von ambitionierten Zweitligisten verhandeln oder Junioren-Nationalspielern. Wenn wir es vielleicht zukünftig schaffen sollten, junge Erstligaspieler zu holen, die schon mit 21 oder 22 Jahren Bundesliga gespielt haben, dann ist das ein geiler Weg aus meiner Sicht.

Wie viel Veränderungen gibt es?
Das hängt von den Ergebnissen der Gespräche mit unseren Spielern ab. Der Kader für die kommende Saison soll mit einem Kern von 13 Spielern im Januar stehen. Dann werden wir im Juni sehen, in welcher Liga wir spielen. Es freut mich, dass ich einige Spieler überzeugen kann, zu bleiben oder zu kommen. Aber ich bin auch zu jedem meiner Spieler ehrlich und rate ihm zu einem Wechsel, wenn es angebracht ist.

Wie wichtig ist die lose Kooperation mit den Rhein-Neckar-Löwen?
Es ist eine Partnerschaft für die Weiterentwicklung junger Spieler aus der Region. Wir haben das Bestreben, die Jungs in der Region zu halten und an das oberste Niveau heranzuführen. Dieses Ziel verfolgen die Löwen und wir. Maximilian Haider ist ein aktuelles Beispiel. Es wäre schön, wenn in den kommenden Jahren auch weitere Spieler diesem Beispiel folgen.

Was muss sich ändern, damit die Eulen künftig aus dem unteren Drittel der Tabelle herauskommen?
Zunächst einmal wollen wir drin bleiben (lacht). Es würde mich freuen, wenn Sie mir diese Frage 2020 stellen, weil ich dann weiß, dass wir auf einem super Weg sind. Aber auch dafür gibt es keine Garantie. Schauen Sie sich aktuell Erlangen an. Die haben einen Etat von 4,5 Millionen Euro, eine tolle Halle und kämpfen gegen den Abstieg. Das ist alles von so vielen Kleinigkeiten abhängig, die kein Trainer und kein Manager vor der Saison vorhersehen kann. Zunächst einmal braucht man eine mittelgroße Halle, um Sponsoren ein Konzept anzubieten, das für sie lohnend und attraktiv ist. Die Sponsoren müssen bei ihrem Engagement den Mehrwert durch ein Netzwerk erkennen. Dann müssen Trainingsbedingungen stimmen und vieles mehr.

All das, was Sie jetzt ansprechen, ist aber in Ludwigshafen nicht gegeben. Eine dringend neue Halle traut sich die Politik nicht zu bauen. Die Trainingshalle der Eulen, die Heinrich-Ries-Halle, hat einen kaputten Boden, ist kalt und müsste modernisiert werden. Wie wollen Sie da raus kommen?
Sie sehen, uns wird nicht langweilig (lacht). Aber ich bin hoffnungsvoll gestimmt, dass sich in Zukunft daraus etwas ergeben kann. Die Geschäftsführung, meine Co-Trainer, die Physiotherapeuten, meine Spieler – alle investieren viel, um die Eulen maximal voranzutreiben. Ein Abstieg wäre da nicht zwingend ein Rückschritt, sofern dieser Weg konsequent weiterverfolgt wird.

Warum bleiben die Eulen in der Bundesliga? Nach der Niederlage gegen Magdeburg am Donnerstag ist das Team erstmals Tabellenletzter.
Weil wir uns eine offene und konstruktive Kommunikation erarbeitet haben, die uns permanent weiterentwickelt. Die Jungs fordern mich, ich die Jungs. Speziell nach dem Leipzig-Spiel konnten wir uns schrittweise gegen starke Gegner stabilisieren und verbessern. Diese Hoffnung der Weiterentwicklung ist seit dem Schlusspfiff gegen Rostock tief verankert. Natürlich ist es zudem hilfreich, wenn wir wenige Verletzungen zu beklagen haben und der Kader früh Formen annimmt. Denn dann fighten viele Spieler und auch ich als Trainer um unsere eigene Zukunft in der stärksten Liga der Welt. Es motiviert mich immens, diese Herausforderung mit der Mannschaft zu schaffen. Wir waren ja in den beiden Bundesliga-Spielzeiten 2010 und 2014 die Schießbude der Liga. Jetzt haben wir ein konkurrenzfähiges Abwehrkonzept etabliert. Das ist doch klasse.

|Interview: Marek Nepomucky